Kirche am Meer

»Wangerooger Chronik
1327–1600«

von Hans-Jürgen Jürgens
in Verbindung mit
Günther Raschen

 

(EZ) Als er im Bremer Staatsarchiv zufällig auf eine alte Weserzollakte stieß, wusste Hans-Jürgen Jürgens sofort, dass er eine »sensationelle Entdeckung« gemacht hatte. In dem Papier von 1630 ist die erste Wangerooger Kirche erwähnt. Und damit war für den Heimatforscher klar, wo das im frühen Mittelalter gegründete erste Dorf auf der Nordseeinsel gelegen hat: im Westen der Insel kurz hinter dem heutigen Strandsaum. Wer jetzt noch nach den alten Besiedlungsspuren suchen wollte, bekäme nasse Füße, denn die Insel ist im Laufe der Jahrhunderte beständig nach Osten gewandert. So musste das Dorf Wangerooge Mitte des 19. Jahrhunderts von West nach Ost verlegt werden.

»Sensationell« sei der Aktenfund deshalb gewesen, weil es bis dahin kaum Archivmaterial über die ersten Wangerooger Dorfbewohner und ihre Kirche gegeben habe, berichtet Jürgens. »Und jahrzehntelang hat die offizielle Forschung den ersten Siedlungsplatz rund fünf Kilometer entfernt von der heutigen Insel mitten im Meer angenommen. Die Wissenschaftler sind einer uneindeutigen Quelle aufgesessen und haben dann immer wieder voneinander abgeschrieben.« Damit ist nun Schluss, zu beweiskräftig ist das akribisch von Jürgens zusammengetragene Material.

Denn dem passionierten Heimatforscher glückten noch weitere Funde. 1975, zwei Jahre nach der Entdeckung der alten Zollakte, fand er nach einer Sturmflut einen auffälligen Backstein am Weststrand. Dem geübten Historikerauge fielen sofort die ungewöhnlichen Maße des Steines auf. Jürgens identifizierte ihn als so genannten »Klosterstein« und schlussfolgerte, dass er höchstwahrscheinlich aus der Ziegelbrennerei des Zisterzienserklosters in Hude stammte und Mitte des 13. Jahrhunderts für den Bau der Kirche nach Wangerooge geliefert worden war. Ebenso ordnete er 1974 den Fund eines vom Meer freigespülten »Tonnenbrunnens« der Wasserversorgung des alten Inseldorfes zu.

Dass die jahrzehntelangen Forschungen des ehemaligen Gastwirtes jetzt als Buch unter dem Titel »Wangerooger Chronik 1327–1600« erschienen ist, verdankt Jürgens zu einem großen Teil Günther Raschen, Pastor der Wangerooger Nikolaikirche. »Mich hat die Forscher-Leidenschaft des Inselchronisten fasziniert«, sagt Raschen. »Und mit den Materialien von Hans-Jürgen Jürgens liegt ein einmaliges Wissen vor, das bewahrt und weitergegeben werden muss.« 30 Forschungsjahre und »rund 1000 Seiten Schriftverkehr« investierte der 83-jährige Inselhistoriker in die Chronik. Inselpastor Günther Raschen brachte die Notizen, Urkunden und Abbildungen nach und nach in Buchform. Zehn Jahre habe das Projekt in Anspruch genommen, berichtet der Pastor. Neben den Materialien von Jürgens enthält das Buch auch die Zusammenstellung und Würdigung einer privaten Sammlung von vor 1600 in Jever geschlagenen Münzen, darunter erstmalig der Öffentlichkeit vorgestellte Stücke.

Wer hinter dem sachlichen Buchtitel eine dröge historische Abhandlung vermutet, die nur Fachleute interessieren könnte, wird angenehm überrascht. Jürgens Chronik erzählt anschaulich und lebendig von dem harten Leben der frühen Inselbewohner. Kapitelüberschriften wie »Holländer morden und brandschatzen auf Wangeroog« könnten als Filmtitel taugen, und wer noch nicht wusste, dass die »Reformation im Jeverland kein Licht auf das ferne Wangeroog« warf, wird umso mehr zu schätzen wissen, dass die Insel nun als nördlichste Gemeinde zur oldenburgischen Kirche gehört.

Jürgens hat in der Chronik bewusst kein einziges Fremdwort benutzt, und dass der »wache Zeitzeuge« (Raschen) zudem die alte Rechtschreibung verwendet, begründet der Inselhistoriker mit seinem Protest gegen die in seinen Augen nicht demokratisch legitimierte Rechtschreibreform. So wird sein Buch selbst zu einem Zeitdokument, das nicht das einzige bleiben soll. Teil zwei der Chronik über die Wangerooger Jahre 1600 bis 1800 sei schon in Arbeit, verrät der agile Insulaner.

Sabine Dörfel (EZ)

 

Abdruck von Text und Foto mit freundlicher Genehmigung der Evangelischen Zeitung/
Sabine Dörfel 

Das Buch kann direkt
bestellt werden bei
Hans-Jürgen Jürgens, Carstenstraße 22
26486 Wangerooge
Telefon 04469/8339.
Es kostet 23 €
zuzüglich 3 € Versandkosten
 

 

Leseproben
aus der
»Wangerooger Chronik
1327–1600«